Wenn die Chemie nicht stimmt, wird das nichts

Hochzeitsredner Carsten Riedel beim Handfasting mit einem Brautpaar 2026

Ich begleite seit 2012 Paare bei ihrer freien Trauung und natürlich habe ich in dieser Zeit sehr unterschiedliche Menschen kennengelernt.

Manche sind beim ersten Gespräch schon so offen, dass man nach zehn Minuten das Gefühl hat, man kennt sich ewig. Bei anderen braucht es ein bisschen länger.

Wichtig ist nur: Irgendwann muss es passen.

Bei Nathalie und Alex war das zum Beispiel sofort so. Nathalie rief mich wegen ihrer Trauung auf Schloss Schweinsburg an und hatte mich mit ihrer offenen Art ziemlich schnell mitgerissen. Später lernte ich Alex im Videocall kennen und auch da war sofort klar: Das funktioniert. Genau solche Gespräche sind natürlich ein Traum für mich, weil ich ziemlich schnell merke, wie die beiden miteinander ticken.

Denn eine freie Trauung funktioniert für mich nicht nach dem Prinzip: Ihr bucht mich, schickt mir ein paar Daten und ich komme am Hochzeitstag vorbei und halte eine schöne Rede.

So möchte ich nicht arbeiten.

Ich will wissen, wer da eigentlich vor mir sitzt.

Wie habt ihr euch kennengelernt? Worüber könnt ihr gemeinsam lachen? Was bringt euch gegenseitig auf die Palme? Und welche Sachen gehören vielleicht nur euch beiden und müssen auch gar nicht vor 80 Gästen ausgebreitet werden?

Das gehört nämlich auch dazu.

Vor vielen Jahren habe ich Lydia und Steffen in der Moccabar in Zwickau getraut. Allein die Geschichte, wie deren Hochzeitstermin zustande gekommen war, hätte Stoff für eine herrliche Passage gegeben.

Ich habe sie trotzdem nicht erzählt.

Warum?

Weil sie mir anvertraut worden war und den beiden gehörte. Punkt.

Auch das ist für mich ein Teil dieser Arbeit. Ich muss nicht alles verwerten, nur weil es eine gute Geschichte wäre.

Hochzeitsredner Carsten Riedel mit Brautpaar nach einer freien Trauung 2026
Eileen und Erik mit Hochzeitsredner Carsten Riedel nach ihrer freien Trauung 2026.

Ich suche keine perfekte Liebesgeschichte

Die gibt es sowieso nicht.

Zum Glück.

Eine perfekte Liebesgeschichte wäre wahrscheinlich auch ziemlich langweilig.

Mich interessieren die Sachen, die wirklich passiert sind. Das erste Date, das vielleicht gar nicht so toll war. Ein Urlaub, der komplett aus dem Ruder gelaufen ist. Die kleinen Macken, von denen natürlich jeder behauptet, nur der andere hätte welche.

Und manchmal liegt das Besondere gar nicht in einer großen Geschichte, sondern in einem kleinen Detail.

Maria und Gerrit habe ich auf Schloss Branitz getraut. Bei ihnen gehörte der Bergbau zu ihrer Geschichte. Also gab es am Ende nicht irgendeinen beliebigen Auszug, sondern die beiden sprangen über ein Arschleder ins gemeinsame Glück.

Wer mit Bergbau nichts anfangen kann, wird jetzt vielleicht denken: Was bitte?

Für die beiden hatte es Bedeutung.

Und genau deshalb gehörte es dahin.

Das ist für mich viel wichtiger als irgendein Ritual, das gerade auf Pinterest besonders gut aussieht.

Und manchmal sage ich Nein

Das gehört auch dazu.

Ich nehme nicht jede Trauung an.

Wenn ich beim Kennenlernen merke, dass die Chemie nicht stimmt, dann wird das nichts.

Das ist gar nicht böse gemeint. Es gibt Menschen, die passen zusammen, und andere eben nicht.

Aber warum sollte ich ein Paar trauen, bei dem wir schon beim ersten Gespräch merken, dass wir uns eigentlich gegenseitig auf die Nerven gehen?

Das kann am Hochzeitstag nur schiefgehen.

Ihr müsst mir vertrauen können und ich muss ein Gefühl für euch bekommen. Schließlich erzählt ihr mir teilweise Sachen, die nicht einmal alle eure Gäste wissen.

Bei Christiane und Andreas – Hacky und Mo – war das komplette Gegenteil der Fall. Die beiden kannten mich schon von einer Hochzeit, bei der sie Gäste gewesen waren. Zwei Jahre später haben sie selbst geheiratet und im Vorgespräch war eigentlich sofort klar: Die beiden vertrauen mir.

Wir haben viel gelacht, alles war unkompliziert und ich musste ihnen nichts verkaufen oder schönreden.

So arbeitet es sich natürlich wunderbar.

Wenn dieses Vertrauen aber nicht entsteht, sage ich inzwischen ziemlich konsequent Nein.

Dann ist ein anderer Redner wahrscheinlich einfach die bessere Wahl.

Schwiegermütter sind übrigens ein eigenes Thema

Bevor jetzt jemand böse wird: Ich habe überhaupt nichts gegen Schwiegermütter.

Viele sind großartig, inklusive meiner. (Falls sie es liest.)

Problematisch wird es nur, wenn irgendwann nicht mehr klar ist, wer hier eigentlich heiratet.

Wenn beim Vorgespräch ständig jemand dazwischenfunkt, wenn die Zeremonie nach den Vorstellungen der Eltern gebaut werden soll oder mir erklärt wird, was das Brautpaar unbedingt machen muss, werde ich skeptisch.

Sehr skeptisch.

Denn ich traue das Paar.

Nicht die Mutter des Bräutigams.

Und auch nicht die Mutter der Braut.

Natürlich können Familie und Freunde eingebunden werden. Das passiert bei vielen meiner Trauungen und kann richtig schön sein.

Aber am Ende muss das Paar sich darin wiederfinden.

Sonst können wir es lassen.

Der Redner ist nicht die Hauptperson

Das sage ich übrigens immer wieder.

Ich habe lange genug auf Bühnen gestanden. Ich kann moderieren und ich habe überhaupt kein Problem damit, vor vielen Menschen zu sprechen.

Aber bei einer Hochzeit brauche ich keine eigene Show.

Da sitzen zwei Menschen vor mir, wegen denen alle anderen überhaupt gekommen sind.

Meine Aufgabe ist es, die Fäden zusammenzuhalten.

Und manchmal bedeutet das schlicht, einen Moment nicht kaputtzureden.

Bei Sarah und Kevin im Schloss Wolfsbrunn gab es beispielsweise einen Bräutigam, der seine Gefühle überhaupt nicht versteckt hat. Genau solche Momente kann man nicht planen. Und man sollte sie auch nicht mit irgendeinem cleveren Spruch überdecken.

Dann hält man eben mal kurz die Klappe.

Das ist übrigens manchmal schwieriger, als eine Rede zu halten.

Rituale müssen nicht sein

Bei freien Trauungen gibt es inzwischen Rituale für wahrscheinlich jede Lebenslage.

Man kann etwas mischen, einschließen, anzünden, verknoten oder gemeinsam trinken.

Manches davon ist richtig schön.

Manches passt überhaupt nicht.

Bei Maria und Gerrit passte die Erinnerungskiste. Die Gäste hatten Wünsche hineingelegt und die Kiste wurde während der Trauung verschlossen. Irgendwann werden die beiden sie wieder öffnen.

Das fand ich schön, weil es einen Sinn hatte.

Bei Hacky und Mo war es das Liebesgewürz, das sie toll fanden und mischten. Andere Sachen fanden sie schlicht langweilig.

Auch gut.

Und dann gibt es natürlich Paare, bei denen man mit romantischem Sandgießen wahrscheinlich nicht besonders weit kommt.

Franzi und Marc gehören definitiv in diese Kategorie.

Ihre Trauung an der Glowatzkyhalle in Fraureuth war schon vor dem eigentlichen Beginn ziemlich eindeutig als ihre Hochzeit zu erkennen.

Andere Paare haben Blumenkinder.

Franzi und Marc hatten „Flowerdudes.“

Die liefen vor der Trauung durch die Reihen und verteilten kleine Schnapsfläschchen an die Gäste.

Damit war zumindest schon einmal sichergestellt, dass niemand völlig unvorbereitet in die Zeremonie musste.

Und natürlich blieb es nicht dabei.

Während der Trauung kam der Brautbecher zum Einsatz. Eigentlich eine schöne alte Tradition: Braut und Bräutigam trinken gleichzeitig aus einem Becher, ohne einen Tropfen zu verschütten.

Normalerweise würde man dafür vielleicht Wasser nehmen.

Nun ja.

Franzi ist Franzi.

Also war statt Wasser eben Gin im Brautbecher.

Ein durchaus kräftiger Schluck übrigens.

Und genau das meine ich, wenn ich sage, dass eine Zeremonie zum Paar passen muss.

Bei einem anderen Paar wäre das völlig daneben gewesen.

Bei Franzi und Marc wäre Wasser völlig daneben gewesen.

Man muss bei einer Hochzeit nicht alles mögen, nur weil es irgendwo als „wunderschönes Hochzeitsritual“ verkauft wird.

Und man muss ein Ritual auch nicht künstlich feierlich machen, wenn die beiden Menschen vor einem nun mal lieber lachen.

Eine freie Trauung ist schließlich frei.

Eigentlich steckt das schon im Namen.

Und dann gibt es Hochzeiten, bei denen Plan B plötzlich Plan A wird

Auch das gehört dazu.

Andrea und Thomas wollten ihr Ja-Wort nach mehr als 27 Ehejahren auf Rügen erneuern. Eigentlich am Strand bei Sellin.

Dann kam das Wetter.

Also wurde aus Strand der Baltiksaal der Seebrücke. Nicht geplant, aber am Ende völlig egal, weil es um die beiden ging und nicht darum, ob mein ursprünglicher Ablaufplan exakt eingehalten wird.

Genauso im Vogtland bei Hacky und Mo: Unwetterwarnung, dunkler Himmel ringsum und trotzdem schien ausgerechnet in Rützengrün die Sonne.

Hochzeiten machen manchmal, was sie wollen.

Erfahrung bedeutet für mich deshalb auch, nicht nervös zu werden, wenn plötzlich etwas anders läuft.

Nach so vielen Hochzeiten wird es trotzdem nicht langweilig

Das werde ich tatsächlich manchmal gefragt.

Nein.

Natürlich weiß ich inzwischen, wie eine Zeremonie funktioniert. Und mich bringt auch nicht mehr jede spontane Änderung aus der Ruhe.

Aber die Menschen sind jedes Mal andere.

Bei Sophie und Sven im Grünen Tal in Langenhessen war es beispielsweise richtig heiß. Also gehörte neben der Zeremonie plötzlich auch eine Softeismaschine irgendwie zu den Helden des Tages.

Kann man nicht planen.

Bleibt aber im Kopf.

Und genau deshalb mag ich diese Arbeit noch immer.

Manchmal ist es Schloss Schweinsburg. Manchmal ein Vereinsheim in Rützengrün. Manchmal Branitz, Rügen oder eben die Glowatzkyhalle in Fraureuth mit Flowerdudes, Schnapsfläschchen und Gin im Brautbecher.

Die Location ändert sich.

Die Menschen sowieso.

Und jedes Mal muss ich neu herausfinden, was für genau dieses Paar funktioniert.

Ich möchte euch deshalb auch gar nicht erzählen, dass ich besonders empathisch bin.

Das wäre mir zu einfach.

Wenn wir nach dem ersten Gespräch auseinandergehen und ihr das Gefühl habt, dass ich verstanden habe, wer ihr seid, dann ist mir das viel lieber.

Und wenn wir beide merken, dass es nicht passt?

Dann sagen wir das auch.

Denn spätestens am Hochzeitstag sollte wirklich niemand mehr so tun müssen, als wäre die Chemie großartig.

Wenn ihr gerade eure freie Trauung plant und beim Kennenlernen merkt, dass die Chemie stimmt, dann reden wir miteinander.